[Rezension] Jesolo von Tanja Raich

Jesolo ist düster. Jesolo ist bedrückend. Jesolo ist keine Lektüre für Zwischendurch und schon gar kein Zeitvertreib.
Tanja Raich beeindruckt durch einen interessanten – und völlig anderen – Schreibstil und die angesprochenen Thematiken in ihrem Debütroman.


Ein neues Lebensjahr bedeutet in gewisser Weise auch immer Veränderung. Und anscheinend kommt mit der 28 die Erweiterung meines Lese-Horizonts. Zumindest war das wohl die Ansicht des Schenkenden. Danke! ❤

Viele von euch werden sich vielleicht wundern. Das Buch passt nämlich so gar nicht zu mir. Stimmt. Überhaupt nicht. Dennoch habe ich es gelesen. Der Geschichte eine Chance gegeben. Und auch, wenn es vermutlich nicht meine bevorzugte Lektüre werden wird, so bin ich doch dankbar für diesen Abstecher in unbekannte Gewässer.

Gleich zu Beginn war Jesolo für mich ungewohnt. Nicht nur, weil es um absolut alltägliche Themen geht – Partnerschaft, Schwangerschaft, Familie, eben das Leben –, sondern schon wegen der fehlenden Satzzeichen bei der direkten Rede. Es war unglaublich anders und zu Anfang musste ich mich sehr konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren. Vermutlich habe ich seit Ben liebt Anna kein Buch mehr gelesen, das eine solch grammatikalische Eigenheit vorzuweisen hatte. Aber nach einigen Seiten konnte ich mich voll auf den Schreibstil, und somit auch auf die Geschichte, einlassen.

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Wenn man sein Leben abgibt

Wisst ihr, was ich aber total schwierig finde? Zu behaupten, ein Buch mit dieser Thematik hätte mir gefallen. Jesolo ist bedrückend. Düster. Traurig. Jesolo hat mich selbst benommen und wütend gemacht. Ich habe mich einsam gefühlt beim Lesen. Einsam, weil Andrea auch einsam war. Wütend, weil Georg ein unfassbar egoistischer A**** ist. Erdrückt, weil Georgs Mutter für mich der absolute Endgegner gewesen wäre. Andreas Leben wäre für mich die Hölle auf Erden gewesen.
Und was macht unsere Protagonistin?

Ich habe selten – besser gesagt noch nie – eine solch passive Protagonistin erlebt. Sie will dieses Leben nicht. Und was tut sie dagegen? Nichts. Sie lässt es einfach so über sich ergehen. Sie will dieses Kind nicht, sie will diese Beziehung nicht. Nicht das Haus, nicht den Kredit. Nichts davon.
Doch sie bewegt sich keinen Milimeter. Das hat mich unglaublich rasend gemacht. Daher kann ich nicht behaupten, das Buch hätte mir gefallen. Gefallen im herkömmlichen Sinne.

Kinderwunsch? Das geht niemanden etwas an!

Und doch bin ich der Meinung, dass das Buch an sich, in seiner Gesamtheit, wahnsinnig gut ist.
Tanja Raich spricht dabei sehr aktuelle Themen an: Familie, die Rolle der Frau, Kinder. Gerade ab einem bestimmten Alter werden Frauen immer häufiger darauf angesprochen, ob sie denn nicht endlich mal mit dem Kinder kriegen beginnen möchten. Oder Paare, die schon länger in einer Beziehung stecken, werden mit dieser Thematik konfrontiert. Und wisst ihr was? Das geht die Welt einfach einen feuchten Kehricht an! Die wenigsten denken darüber nach, dass man damit Wunden aufreißen könnte, die am besten geschlossen bleiben sollten oder, dass diejenigen einfach keine Kinder haben möchten. Empörung ist an dieser Stelle übrigens auch alles andere als angebracht. Nur mal so nebenbei.

Andrea wollte eigentlich nichts an ihrem Leben ändern. Und von Kapitel zu Kapitel gibt sie mehr und mehr die Kontrolle ab. Hält sich aus allem raus, obwohl sie etwas zu sagen hätte, erhebt ihre Stimme nicht, versucht nicht, sich durchzusetzen. Mit jedem Kapitel, das vergeht, ist sie immer weniger eine selbstständige Frau, als die Marionette derer, die sie umgeben.
Ihr könnt euch also denken, dass ich die Entwicklung der Protagonistin absolut erschreckend fand.

Das Buch selbst ist in zehn Kapitel eingeteilt, eins für den Urlaub in Jesolo – den Ort gibt es wirklich – und jedes weitere ein Monat der Schwangerschaft – was ich sehr gelungen finde.
Und sobald ich einfach mal alle Erwartungen und Vorurteile von Bord geschmissen hatte, konnte ich mich auch auf Tanja Raichs Schreibstil einlassen. Danach war alles einfacher. 🙂

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Fazit
Wie schon zu Anfang gesagt, bin ich der Meinung, dass Jesolo kein schönes Buch ist. Aber ein gutes Buch. Ein wichtiges Buch. Mit einer noch viel wichtigeren Botschaft. Gib dein Leben nicht aus der Hand!
Tanja Raich beeindruckt mit ihrem Debütroman, so düster und bedrückend er auch sein mag. Wenn man sich darauf einlassen möchte.


Darum geht’s:

Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Jedes Jahr verbringen sie einen netten Urlaub in Jesolo. Was die Zukunft betrifft, will Andrea sich nicht festlegen, aber Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben. Aus dem Dilemma scheint es keinen Ausweg zu geben. 

Als sie aus dem gemeinsamen Urlaub zurückkommen, ändert sich alles – Andrea ist schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind – und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie einen Kredit aufnehmen wollte; sie zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen unter einem Dach leben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann.


Infos zum Buch:

Titel: Jesolo
Autor: Tanja Raich
Seiten: 224
ISBN: 978-3-89667-644-3
Verlag: Blessing
Erstausgabe: 04. März 2019


Mit anderen Worten

„Leider konnte mich „Jesolo“ nicht ganz überzeugen. Die Einteilung des Romans gefiel mir noch sehr gut. […] Durch anschauliche Beschreibungen sehen wir dem Kind im Mutterleib beim Wachsen zu, spüren seine Anwesenheit zwischen den Zeilen. Doch die allgemeine Umsetzung und das offene Ende, das metaphorisch interpretiert werden könnte, haben mich irritiert und ratlos zurückgelassen.“ – Nur lesen ist schöner

„Raich führt uns in zehn Kapiteln – eins für Jesolo und eins für jeden Schwangerschaftsmonat – durch Andreas Kampf mit sich und ihrem Umfeld, benennt Ängste und Wünsche, beschreibt Gedanken und Träume und findet eindringliche Bilder, um zu zeigen, wie nah ihre Hauptfigur einer Ohnmacht ist, nur um den Rollenbildern gerecht zu werden.
Ein intensiver und äußerst lesenswerter Roman.“ – Bookster HRO

Ein Kommentar zu „[Rezension] Jesolo von Tanja Raich

  1. Hallöchen 🙂
    Interessant, ich bin gerade 27 geworden und habe auch das Gefühl, dass mein Lesegeschmack sich verändert. Muss was mit dieser nahenden 30 zu tun haben 😀

    Ich finde dein Fazit sehr interessant (und ehrlich). Ich weiß nicht ob das Buch was für mich ist, aber deine Rezension macht zumindest neugierig. Vielleicht schaue ich mir die Leseprobe mal an 🙂

    Alles Liebe,
    Sinah

    Gefällt mir

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