[Rezension] Meine Augen sind hier oben von Laura Zimmermann

Mit Meine Augen sind hier oben hat Laura Zimmermann mir so viel mehr als mein Jahreshighlight 2020 beschert. Meine Augen sind hier oben ist ein Buch, das wichtiger ist als vieles, das ich bislang gelesen habe.


Es. Ist. Perfekt.

Im Grunde genommen sagen diese drei Worte alles über das Buch aus, das du wissen solltest. 😀 Allerdings verdient dieses Buch noch so viel mehr!

Schon als ich es zum ersten Mal in der Verlagsvorschau gesehen hatte, war ich Feuer und Flamme – meine Erwartungen dementsprechend hoch. Laura Zimmermann hat sie alle übertroffen. Und das um Meilen! 

Greer. Oder das Mädchen, das die Klamotten ihres Vaters trägt

Teenie sein ist nicht einfach. War es noch nie und wird es vermutlich auch nie sein. Wenn dann auch noch ein Körper dazukommt, der so anders ist, als der der anderen, dann wird es so richtig kompliziert. Und genau das passiert Greer: Sie hat unglaublich große Brüste und ein noch größeres Problem mit ihnen, denn sie versucht sie zu verstecken. Und glaub mir, wenn ich sage, dass das schlichtweg nicht geht. Ich weiß, wovon ich spreche. Um dennoch irgendwie zu vermeiden, dass die Leute auf ihren Körper aufmerksam werden, trägt Greer irre große Klamotten – teilweise sogar T-Shirts ihres Dads in XXL. 

Ich konnte mich gut in Greer hineinversetzen und ihre Gefühle und Gedanken nachvollziehen. Nicht nur das, ich habe mich selbst auf jeder Seite wiedergefunden. Sehr beeindruckt hat mich auch ihre Entwicklung, vor allem in den Momenten, in denen sie feststellt, dass sie tatsächlich nicht ausschließlich in ihrem Kopf leben kann. Auch wenn das so manches Mal ihr größter Wunsch ist. Geht nur eben nicht. Ich habe mit ihr gelacht, gelitten und auch geweint und wusste, wie sie sich fühlt. 

Pure Harmonie

Allerdings ist Greer nicht alleine: Sie hat wahnsinnig tolle Freunde um sich herum. Allen voran natürlich Maggy, ihre beste Freundin. Das Mädel ist vielleicht anstrengend, sag ich dir. Himmelnocheins ist die auf Krawall aus! Und das in jeder nur erdenklichen Situation. Doch das interessiert Greer nicht die Bohne. Sie ist ihre beste Freundin und ist nun einmal wie sie ist. Und daran gibt es nichts zu rütteln. Sie akzeptiert Maggy genau so wie sie ist. Und auch das zeugt von wahrer Größe. 

Ich fand ausnahmslos alle Charaktere fantastisch ausgearbeitet! Sie haben so wahnsinnig gut miteinander harmoniert und aus dieser Geschichte etwas Grandioses gemacht. Coach Reinhold ist klasse. Jackson ist wahnsinnig toll. Seine kleine Schwester, Quinlan, ist ganz große Liebe! Auch Greers Volleyballmannschaft ist mir sehr ans Herz gewachsen. Selbst Greer kleiner Bruder spielt eine wichtige Rolle. Und sogar ihre idiotischen Klassenkameraden hatten einen wichtigen Part in ihrer Story.

Jessa-Liebe!

Es gibt jedoch eine Person, die sie alle schlägt. Mein Herzenscharakter! O. Mein. Gott. Was für ein perfekter Charakter! Jessa ist einfach der Knüller! Sie ist aufmerksam, hilfsbereit, einfühlsam, immer da, wenn jemand sie braucht. Sie ist der Inbegriff einer besten Freundin. Ich würde sagen, jeder braucht eine Jessa in seinem Leben! ❤

Der Elefant im Buch

Wie schon erwähnt, hat Greer ein Problem mit ihren Brüsten. Zum einen versucht sie die zu verstecken, zum anderen erklärt sie sie zum Tabuthema. Sie vermeidet es, darüber zu reden und es scheint auch eine unausgesprochene Regel zu geben: Man redet nicht über ihre Brüste. Niemand. Nicht ihre Mum und schon gar nicht ihre beste Freundin. 

Ich denke, dass das nicht nur im Buch ein Tabuthema ist, sondern auch im wirklichen Leben. Und das nicht nur bei Teenies. Wusstest du, dass fast 80 % der deutschen Frauen die falsche BH-Größe tragen? Weil sie denken, es wäre die richtige? Weil sie denken, das muss so sitzen? Oder weil es schlichtweg keine passende Größe gibt. Bis vor ein paar Wochen habe ich auch dazugehört. Ich wusste zwar, dass das irgendwie nicht korrekt sein kann, aber ich habe es ignoriert. So wie Greer. Sie weiß ganz genau, dass ihr BH viel zu klein ist. Und sie trägt ihn dennoch. Obwohl er zwickt. Zu eng ist. Sich ihre Brüste regelmäßig selbstständig machen. Die Träger drücken … 
Aber weißt du, wie befreiend es ist, tatsächlich die richtige Größe zu tragen? Das ist ein ganz neues Lebensgefühl! Und wenn ich dann – aus Mangel an genug „richtigen“ BHs – doch mal wieder einen der alten tragen muss, frag ich mich, wie ich das jahrelang machen konnte. Es ist erstaunlich. 

Auch im wirklichen Leben existiert dieses Tabuthema. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich, warum das so ist. Ich meine, ist doch ganz natürlich, oder? Der Körperbau einer Frau ist wie er ist. Warum darf ich mich darüber nicht offen unterhalten? Oder besser gesagt, wer zum Teufel hat mir eingetrichtert, dass es nicht schicklich ist, mich mit anderen Frauen darüber zu unterhalten? Der Einfluss der Gesellschaft kann sehr erdrückend sein, meinst du nicht auch?

Laura Zimmermann hat ein faszinierendes Buch erschaffen, das mich noch sehr lange Zeit begleiten wird. Welches ich noch das ein oder andere Mal lesen werden. Und tausend Mal weiterempfehlen will. Denn es ist so unglaublich wichtig. Bodyshaming ist ein Thema, das vor Jahren aktuell war und es in Zeiten von Instagram und Co. immer noch ist. Vielleicht sogar mehr als noch vor 15 Jahren.
Greer, ihre Entwicklung im Laufe der Story, die Charaktere – jede einzelne Seite dieses Buches war für mich wie eine kleine Offenbarung.


Infos zum Buch:

Titel: Meine Augen sind hier oben
Autor: Laura Zimmermann
Seiten: 336
ISBN: 978-3-03880-040-8
Verlag: Arctis
Erstausgabe: 21. August 2020


Auch wenn die 15-jährige Greer nicht gern im Mittelpunkt steht, könnte sie wetten, dass andere Leute oft über sie reden. Nicht über sie als Person, nicht darüber, dass sie ein Mathe-Ass und verdammt witzig und klug ist. Sondern über ihre Brüste, die sehr groß und ihr in jeder Hinsicht im Weg sind. Beim Schulsport, beim Kleiderkauf, beim Flirten mit einem Jungen. Sie sind ihr dabei im Weg, sie selbst zu sein. Erst als sie ihr Talent für Volleyball entdeckt, Teil einer Mannschaft wird und Jackson kennenlernt, wird Greer klar: Es lohnt sich, aus dem Versteck ihres übergroßen Hoodies auszubrechen. Es lohnt sich sogar sehr!

Vielen Dank an die netzwerkagentur bookmark und den Arctis Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.

4 Kommentare zu „[Rezension] Meine Augen sind hier oben von Laura Zimmermann

  1. Liebe Wiebi, deine Rezension ist unglaublich! Wir freuen uns, dass dir das Buch persönlich so viel gegeben hat und hoffen, dass es noch vielen weiteren Frauen und Mädchen so gehen wird. Vielen Dank für jede Empfehlung. Vielen Dank für deine wunderbaren Worte.
    Liebe Grüße
    Dein Arctis Verlag

    Gefällt 2 Personen

  2. Hallo Perfectgirl,

    ich muss scharf nachdenken … aber neee – mir fällt niemand ein, von dem ich sicher sagen könnte, dass er rundum zufrieden mit seinem Körper ist. „Irgendwas ist immer.“ Tatsächlich sollte es heißen „Gesellschaftliche Bewertung ist immer.“
    Anstatt uns selbst zu entdecken, uns unseren Fähigkeiten zu widmen, unserem SEIN, bekriteln wir andauernd unsere zu krummen Beine, die zu schiefe Nase, zu schmale Augen, den zu kleinen Hintern oder eben auch zu große Brüste.

    Es brauchte fünfzig Jahre, bis ich mich in einem kurzen Rock wohlfühlen konnte! …

    Interessant ist, dass, meinen Beobachtungen nach, jeder Einzelne diese Problematik in irgendeiner Form kennt und mehr oder weniger erfolgreich versucht damit umzugehen und sich davon bestenfalls frei zu machen.
    Wie also kann es sein, dass wir in unserem „aufgeklärten Zeitalter“ derart unentspannt mit unserem Körper / Aussehen sind? Antwort: Die GESELLSCHAFT. Besser gesagt, das gesellschaftliche Bild, das von der Wirtschaft erzeugt und und uns von den Medien eingetrichtert wird: Wir haben so und so zu sein.
    Nehmen wir, passend zum Thema, die Geschichte des BH’s. Wieso wurde er erfunden, wie hat sich sein Aussehen entwickelt, wer bestimmt seine Funktionalität? Warum schickt es sich nicht, in der Öffentlichkeit keinen BH zu tragen? Ich meine, es gibt inzwischen Studien, die belegen, dass das BH-Tragen gesundheitliche Schäden hervorrufen kann. Welche Frau weiß davon? Und warum ist das kaum bekannt? – Ja man stelle sich doch vor, dass die Frauen entscheiden, so etwas braucht es nicht. (Wie viele Frauen kommen nach der Arbeit heim und schmeißen als erstes genau dieses Kleidungsstück ins Eck??) Ein Milliardengeschäft wäre für die Industrie verloren!
    Unser gesellschaftliches Augenmerk folgt dem von Industrie und Wirtschaft. Und die haben jahrzehntelang womit aufwändig Werbung betrieben? Großbusigen Sexsymbolen. …

    Solange es eine, durch wen auch immer geartete, gesellschftliche Doktrin gibt, haben wir nur eine Chance uns selbst zu lieben. Wir dürfen uns immer und immer wieder bewusst machen, dass jeder denken und sagen darf, was er will. Es zählt allein, ob wir HÖREN wollen, was an uns herangetragen wird.

    Du bist, wie du bist. Genau richtig. Perfekt. Von der Haar- bis zur Zehenspitze. Basta. 😁
    (Gott macht keine Fehler 😉)

    Hab dich lieb. Küssi 😘
    die Mum

    Liken

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