[Rezension] Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Was lange währt … Mein erster Wells stand lange im Regal. Über ein Jahr. Die Geschichte von Jules und Alva liest sich sehr leicht, obwohl auf jeder Seite ein wenig Tragik und Dramatik mitschwingt. Benedict Wells hat mit diesem Buch viele Menschen tief berührt. Mich hat er leider nicht so mitreißen können, wie ich es mir gewünscht hätte.


Als Leser darf man Jules von 1980 bis ungefähr 2014 begleiten, ein halbes Leben also. Nach einem kurzen Einblick in seine Welt vor dem Tod seiner Eltern, in der Jules vorlaut ist, sogar Anführer in seiner Klasse, verwandelt sich mit dem Autounfall für ihn einfach alles. Aus dem Jungen, der sich durchsetzte und sogar prügelte, wenn ihm etwas nicht passte, wurde ein kleines, schüchternes Bürschlein, dass sich im Leben nicht zurechtfindet. Bis Alva auftaucht.

Künstler-Klischee

An dieser Stelle muss ich ein wenig schmunzeln, denn meiner Meinung nach, hat Wells das in meinem Kopf bestehende Klischee eines Künstlers voll ausgeschöpft. Außenseiter, einsame Seele, weiß nicht so wirklich, was er aus seinem Leben machen soll. Erledigt mal hier und mal da einen Job, geht aber trotz allem in keinem davon so richtig auf und kann sich nicht entscheiden, was er wirklich vom Leben will. Jules verkörpert für mich all das – und noch so viel mehr.

Ein großartiges Trio

Die sich ständig verändernde Dynamik zwischen den drei Geschwistern Jules, Marty und Liz hat sich wie ein roter Faden durch das Buch gezogen. Alle drei haben sich im Laufe der Jahre verändert und entwickelt, die innige Beziehung als Kinder wurde von einer Distanz im Jugendalter abgelöst, woraufhin sie sich als Erwachsene wieder Stück für Stück zusammengerauft haben.

Jules Bruder und Schwester waren im gesamten Verlauf der Geschichte ein Teil davon, mal aus der Nähe, mal aus der Ferne und dennoch immer präsent. In den 34 Jahren, in denen die Handlung spielt, erhält man immer wieder Puzzleteile, die man am Ende zum großen Ganzen zusammensetzen kann. Die Frage, warum die drei sind wie sie sind, lässt sich anhand der Erzählung hervorragend beantworten. Und dennoch verschiebt sich das Hauptaugenmerk, das auf Jules als Protagonisten liegt, nicht. Rückblickend bin ich von der Erzählkunst Wells ziemlich beeindruckt.

Eintauchen in die Ich-Perspektive

Was mich wirklich fasziniert hat? Ich hatte es hier wahrhaftig mit einem Ich-Erzähler zu tun. Dinge, die Jules nicht wissen konnte, habe ich als Leserin nie erfahren. So sehr es mich in den Fingern gejuckt hat, zu wissen, wie seine Eltern früher waren, was sie umgetrieben hat, was genau in Alva vorging … Dinge, die Jules nicht herausgefunden hat, werden auch dem Leser nicht mitgeteilt. Das war teilweise ganz schön frustrierend, denn ich lese meist Bücher, in denen kein Geheimnis verborgen bleibt oder ein allwissender Erzähler meine Neugier stillt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass es Geschehnisse gibt, die nicht erklärt werden. Wie das Leben selbst. Das festzustellen war wie eine Offenbarung.

Love me or not

Die Liebesgeschichte zwischen Jules und Alva ist wie das Leben selbst: ein Auf und Ab. Auch dieser Aspekt fasziniert mich. Als hauptsächliche Leserin von New Adult Romanen, in denen es immer – und zwar wirklich immer – um die ganz großen Gefühle geht, habe ich hier eine realitätsnahe Beziehung erlebt. Beide haben ein eigenes Leben und eins, das sie sich teilen. Sie haben ihre Geheimnisse, ihre Probleme und schaffen es dennoch, eine Beziehung zu führen.

Die Einsamkeit

Vor vielen Jahren habe ich mal den Satz „Zu zweit und doch allein“ gehört. Damals war ich noch zu jung, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Heute verstehe ich es. Und nicht nur das, ich habe diesen Satz auch das ein oder andere Mal im Buch vorgefunden. Nicht wörtlich, versteht sich, sondern metaphorisch. Es ist erstaunlich wie man, trotz Zweisamkeit oder sogar ständiger Nähe zu Freunden und Geschwistern, einsam sein kann. Das grenzt fast schon ein klein wenig an Weltschmerz.

Zwar haben mir die großen Emotionen, die ich erwartet hatte, gefehlt, doch ich bin zutiefst beeindruckt von dem Werk, das Benedict Wells erschaffen hat. Jede einzelne Seite trägt ein wenig Dramatik und Tragik mit sich und dennoch lässt sich die Geschichte mit einer Leichtigkeit lesen, die ich nicht erwartet hätte.


Infos zum Buch:

Titel: Vom Ende der Einsamkeit
Autor: Benedict Wells
Seiten: 368
ISBN: 978-3-257-06958-7 
Verlag: Diogenes
Erstausgabe: 01. März 2016


Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.


Mit anderen Worten

Ein so wunderbar geschriebener Roman, der mich leider extrem verletzt und enttäuscht zurücklässt. Mich fesselte der Erzählstil, den Benedict Wells wahrlich zu einem brillanten Autor macht. Leider fehlt es der Geschichte an Inhalt und Entwicklung. | I am Jane

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch voller Gefühle, ohne, dass man sich als Leser von diesen erschlagen fühlt. Es ist eine Liebes- und Lebensgeschichte. Und es ist ein Buch voller kleiner Weisheiten, die sich noch lange nach der Lektüre immer wieder in die eigenen Gedanken schleichen und zum Nachdenken anregen. | StudierenichtdeinLeben

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